Amerikas schizophrene Liebe für Waffen

Amerikas Bevölkerung rüstet auf. Am 14. Dezember wurden an der Grundschule Sandy Hook in Newton 20 Kinder und 5 Lehrer erschossen, ein Aufschrei ging durch das Land, Präsident Obama kündigte unter Tränen strengere Waffengesetze an, aber in der Vorweihnachtszeit kauften die Leute Waffen wie blöde. Nach Angaben des FBI sind in allen Bundesstaaten die gesetzlich vorgeschriebenen Zulassungsprüfungen um fast 50 Prozent im Vergleich zu Dezember 2011 gestiegen. Ausgerechnet die in die Kritik geratenen Sturmgewehre wie das Bushmaster AR-15 waren laut Nachrichtenagentur Bloomberg vielfach ausverkauft. Es ist diese schizophrene Logik, die Wayne LaPierre, der Vizevorsitzende der National Riffle Association (NRA) auf den Punkt bringt, wenn er mit dem ihm eigenen patriotistischen Sarkasmus sagt: “Das einzige, was einen bösen Kerl mit einer Waffe stoppt, ist ein guter Kerl mit einer Waffe.” Dazu passt die Forderung der Waffenlobby, zum Schutz vor zukünftigen Amokläufern Kindergärten und Schulen mit bewaffneten Wächtern auszustatten. Es ist schon bezeichnend für eine Gesellschaft, dass nicht einmal ein durchgeknallter 20-Jähriger mit seiner Wahnsinnstat die verhängnisvolle Liebe der Amerikaner zu ihren Waffen zu pulverisieren vermag. Stattdessen greift eine reflexartige Denkweise, die zwangsläufig höhere Wogen der Gewalt nach sich ziehen wird: Nicht schärfere Waffengesetze, die den Zugang zu Waffen begrenzen, können zur Lösung des Problems beitragen, sondern nur noch mehr Waffen. Das ist Wildwest-Romantik pur. Ins kollektive Unterbewusstsein eingebrannte Outlaw-Verehrung, die herrührt aus einer Zeit, als sich Cowboys mit rauchenden Colts noch gegenseitig mitten auf der Straße über den Haufen schossen. Gesetzlich verankertes Recht zur Selbstjustiz, das – trotz zigtausender bundesstaatlicher und lokaler Waffengesetze – laut zweitem Zusatzartikel zur Verfassung jedem Amerikaner den Besitz einer Waffe ausdrücklich erlaubt. Die Folgen werden wohl auch nach dem Amoklauf in Newton in Kauf genommen: 1372 Schießereien gab es im vergangenen Jahr alleine in New York (Zum Vergleich: in ganz Deutschland waren es laut statistischem Bundesamt nicht einmal 350). Über 400 Personen kamen seit Newton durch Schusswaffen ums Leben, darunter zwei Zweijährige und ein dreijähriges Kind, die vor Weihnachten mit ungesicherten Waffen herumspielten. Wie viele Kinder müssen eigentlich noch sterben, bis die Politik in Amerika daran geht, den Zugang zu Waffen ernsthaft zu beschränken? Den Missbrauch von Schusswaffen zu bekämpfen, indem man noch mehr Waffen in Umlauf bringt, ist so, wie wenn man ein Feuer löschen möchte, indem man einfach noch ein paar Holzscheite nachschiebt. Das mag der mächtigen US-Waffenlobby weitere Milliarden in die Kassen spülen, es erhöht aber auch gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit für den nächsten Amoklauf. Erst im Juli 2012 hatte ein Student in Aurora (Colorado) in einem Kino zwölf Menschen erschossen und weitere 58 verletzt – mitten im US-Wahlkampf. Die beiden Kandidaten Obama und Romney reagierten entsetzt, das Thema wurde aber nicht weiter vertieft – wohl aus Angst vor der einflussreichen NRA-Waffenlobby. Auch nach dem bislang schlimmsten Amoklauf  in den USA, bei dem am 16. April 2007 an der Universität Virginia Tec 33 Studenten ums Leben kamen, ging man ziemlich schnell wieder zur Tagesordnung über. Präsident George W. Bush wies in einer ersten Stellungnahme gleich mal darauf hin, dass jeder Bürger Amerikas das Recht habe, eine Waffe zu tragen. Gleichwohl müssten alle die Gesetze beachten. Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain blies ins gleiche Horn. Damit war das Thema zumindest auf der politischen Ebene erledigt. Und Obamas angestrebtes Verkaufsverbot von Sturmgewehren und Handschnellfeuerwaffen ist ja nur ein erster zaghafter Versuch. Das grenzt zumindest die Gefahr schwerster Schussverletzungen bei zukünftigen Amokläufen ein, lässt aber die bereits jetzt schon in Privathaushalten eingelagerten Exemplare dieser Waffengattung genauso außer Acht wie die Tatsache, dass sich jeder 18-Jährige auch weiterhin nach Belieben mit anderen Waffen und Munition in unbegrenzter Menge eindecken kann. Das ist für die Eindämmung des Gefahrenpotenzials durch Amokläufer genauso sinnlos wie die Herstellung von schusssicheren Schulranzen und Spieldecken, die seit der Newton-Tragödie reißenden Absatz finden. Das gaukelt eine Sicherheit vor, die im Ernstfall einfach nicht existiert. Ohnehin greift ein bloßes Verbot zu kurz. Kurioserweise kommt es laut FBI Crime Report in Gegenden mit strengeren Waffengesetzen zu mehr Straftaten als in solchen mit laxen Bestimmungen. Ein Verbot greift auch deshalb zu kurz, weil es die Täterprofile völlig außer acht lässt. Nicht jeder, der eine Waffe besitzt, wird automatisch zum Täter, schon gar nicht zum Amokläufer. Aber es gibt Einflüsse im persönlichen Umfeld, die als Indizien für Sozialprognosen ab dem frühen Kindesalter herangezogen werden können. Ein engmaschiges Netzwerk aus Kinderärzten, Jugend- und Polizeibehörden, aber auch Pschologen in Kindergärten und Schulen sollte dazu in der Lage sein, auffällige Jugendliche zu identifizieren und – notfalls per gesetzlicher Anordnung – dafür Sorge zu tragen, dass ihnen jeglicher Zugang zu Schusswaffen verwehrt bleibt.  Aber solange kein Umdenken stattfindet, solange sich die privaten Haushalte nach jedem Amoklauf reflexartig weiter aufrüsten, weil sie glauben, sich dadurch besser schützen zu können, solange Eltern ihre Kinder, bevor diese überhaupt in der Lage sind, eine Waffe größeren Kalibers zu halten, auf den nächstbesten Schießplatz schleifen, solange bleibt auch jeder Gesetzesvorstoß zum Scheitern verurteilt. Dass Amerika noch weit von diesem Umdenkungsprozess entfernt ist, zeigt die Tatsache, dass just nach dem Amoklauf von Newton mit “Red Dawn” ein Action-Film in die US-Kinos kam, in dem die patriotistische Waffenverherrlichung im Kleinstadtkampf gegen nordkoreanische Invasoren bis zum Exzess zelebriert wird. Das Ganze mag cineastisch wohl perfekt inszeniert sein, gesellschaftlich ist diese Gewaltorgie zur Unzeit äußerst fragwürdig. Und es ist leider kaum vorstellbar, dass dieser Film aus Betroffenheit über die Ereignisse an der Sandy-Hook-Grunschule ein Flop an den Kinokassen wird. . .

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Best of Musical Gala 2012 – Quo vadis Musical?

Wenn Elisabeth Hübert blutlüstern ihrem Duett-Partner Alexander Klaws die Halsschlagader anknabbert, wenn “The Voice”-Entdeckung Patricia Meeden mit kraftvoller Soulstimme die “Dreamgirls” wiederbelebt und wenn Pia Douwes erst zum Akkubohrer greift, um wenig später Sabrina Weckerlin die Haare abzuschneiden, dann ist Musical-Gala angesagt. Die beliebte Showrevue aus dem Hause Stage Entertainment machte jetzt auch Station in der Mannheimer SAP-Arena und stellte einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis, dass sie zu den hochkarätigsten Live-Produktionen in Deutschland gehört. Ein 20-köpfiges Orchester, aufwendige Video- und Beleuchtungstechnik, opulente Kostümausstattung, mitreißende Choreografien und ein bestens aufgelegtes Starensemble stehen für die hohe Professionalität dieses eindrucksvollen Bühnenspektakels.
Eine wunderbare Plattform, die Stage einerseits die Möglichkeit bietet, für die enorm angewachsene Bandbreite des Genres Musical zu werben. Zum anderen bekommt der geneigte Musical-Fan die Gelegenheit, seine Lieblingsmusicalstars einmal in Rollen zu erleben, in der man sie niemals erwartet hätte oder schon immer mal sehen wollte. Für die Gesangsprofis birgt dieses Perfomance-Benchmarking durchaus Risiken. In einer Show wie dieser kann mancher Darsteller für Aha-Erlebnisse sorgen – oder aber hoffnungslos gegen das Original abstinken. Dass Letzteres bei der Musical-Gala 2012 eher die Ausnahme ist (außer Yngve Gasoy-Romdal, der als Graf von Krolock weder Thomas Borchert noch Kevin Tarte, noch Jan Amman und schon gar nicht Steve Barton das Wasser reichen kann), unterstreicht die hohe Qualität der Stage-Promotour, die sich in jeder Hinsicht positiv von den billig produzierten Wald-und-Wiesen-Musical-Shows abhebt.
In den vergangenen Jahren hat sich einiges getan in Musical-Deutschland. Stage selbst hat etliche Eigenproduktionen auf die Bühne gebracht oder Broadway-Erfolge adaptiert und trifft damit den Geschmack einer immer größer werdenden Musical-Fangemeinde. Die Kreuzfahrt-Revue “Ich war noch niemals in New York” mit Liedern von Udo Jürgens, die NDW-Klamotte “Ich will Spaß” oder die Udo Lindenberg-Hommage “Hinterm Horizont”, die aktuell mit Serkan Kaya in der Hauptrolle in Berlin Erfolge feiert, sind beispielhaft für den enormen Output, den es hierzulande an neuen Musical-Produktionen in den letzten Jahren gegeben hat. Dass dieser Trend durchaus auch kritisch zu sehen ist, wird hier noch zu thematisieren sein. Immerhin führt er dazu, dass die Musical-Gala erstmals ganz ohne Lloyd-Webber-Highlights auskommt. Kein Jesus Christ Superstar, kein Evita, kein Starlight Express – nicht einmal der Klassiker Phantom der Oper klingt an, auf ein Medley verzichtet man gänzlich.
Das zeugt von neuem Selbstbewusstsein. Vielleicht liegt es aber auch am Motto der Show: “Movie meets Musical” (obwohl Evita und das Phantom ja mittlerweile auch verfilmt wurden). Da hat Stage ja mittlerweile einiges in seinem Portfeuille: Dreamgirls, Sister Act, Moulin Rouge, Dirty Dancing, sogar Monty Pythons “Ritter der Kokosnuss” gibt es als Musical-Fassung (Spamalot); kaum ein Disneyfilm, der es nicht in irgendeiner Form von der Toon-Leinwand auf die Musical-Bühne geschafft hat. Man wartet eigentlich nur noch, dass Aristocats Lloyd-Webbers Dauerbrenner Cats ablöst. Der Erfolg gibt den Programmstrategen von Stage Entertainment recht: familienfreundliche Produktionen wie Tarzan oder König der Löwen mit den Welthits von Phil Collins und Elton John beweisen, dass dieses Konzept auch finanziell aufgeht. Dass man bei Stage Entertainment nicht nur auf den Massengeschmack zielt, sondern durchaus auch bereit ist, gewisse Risiken einzugehen, zeigen Produktionen wie Levay & Kunzes düstere Roman-Adaption Rebecca, die zur Zeit in Stuttgart zu sehen ist, oder Rocky, das (mit fachlicher Unterstützung von Sylvester Stallone und den Klitschko-Brüdern) im November 2012 Weltpremiere in Hamburg feiern wird.
Stoff genug also für ein abendfüllendes Programm voller Abwechslung und überwältigender Eindrücke. Stage-Musicalgala, das ist wie großes Popcorn-Kino, wie eine rasante Achterbahnfahrt durch die Welt des Musicals. Begleitet von einem brillant aufspielenden Orchester unter Leitung von Bernhard Volk laufen die Musicalstars zur Hochform auf. Mit heißen Latino-Rhythmen (100.000 Watt) und Höhepunkten aus der Supremes-Revue “Dreamgirls”, die die Motown-Ära der 60er- und 70er Jahre aufleben lässt, wird die Messlatte gleich zu Beginn mächtig hoch gelegt. Hier kann sich das gesamte Ensemble schon mal richtig warmlaufen, bevor DMJ mit samtig weicher Stimme an der Seite von Patricia Meeden bei “When I first saw You” für den ersten Gänsehautmoment sorgt, der sogleich mit Meedens ausdrucksstarkem “One Night Only” getoppt wird, auch wenn der “Sister Act”-Nachwuchsstar stimmlich nicht ganz an das filmische Original von Beyonce heranreicht.
Im “König der Löwen”-Duett behält Patricia Meeden gegenüber ihrem leicht schwachbrüstigen Partner Mathieu Boldron klar die Oberhand. Der kleine Franzose radebrecht sich etwas hölzern durch das atmosphärisch stimmungsvolle “Endlose Nacht”, landet aber am Ende der Show als Polizist Eddie (seit 2010 seine Paraderolle im Cast von Hamburg) einen absoluten Volltreffer.
Dank virtuos eingesetzter Beleuchtungseffekte und moderner Video-Technik entstehen auf der Bühne immer neue eindrucksvolle Kulissen in monumentaler Optik. Da fühlt man sich als Darsteller fast so wohl wie auf der “heimischen” Bühne. Perfekt abgestimmt sind die zahlreichen Tanzeinlagen des Ensembles. Die Tänzer verwandeln die orchestralen Klänge in akrobatisch-dynamische Bewegungen und verlassen nicht selten die Rolle der Statisten, um aktiv in den Vordergrund zu drängen und die Sänger in die Choreographie mit einzubeziehen. Gesang, Spiel und Tanz – das ist Musical at its best, ein berauschender Augen- und Ohrenschmaus, der in der schier reizüberflutenden Opulenz des burlesquen Moulin Rouge-Blocks kulminiert.
Überhaupt erzeugen die Darsteller im Ensemble eine überwältigende Bühnenpräsenz. Bei den Solo-Parts herrscht pure Frauenpower. “Tarzan”-Hauptdarstellerin Elisabeth Hübert überzeugt mit ihrer jungen, glasklaren Stimme nicht nur in ihrer Paraderolle an der Seite von Alexander Klaws, sondern überrascht mit kraftvoller Stimme auch als Sarah in Tanz der Vampire oder im “Lady Marmelade”-Quartett aus Moulin Rouge. Sabrina Weckerlin, die in Produktionen wie Elisabeth, Legende einer Heiligen oder die Päpstin auf christliche Rollen abonniert zu sein scheint, verleiht dem Rebacca-Opener “Ich hab geträumt von Manderley” (Rebecca) strahlende Weite, feiert mit “Endlich sehe ich das Licht” (Rapunzel) ein hinreißendes Duett-Comeback mit Alexander Klaws (schon bei “Alles” aus dem Musical “3 Musketiere” haben die beiden bewiesen, dass sie stimmlich wunderbar harmonieren) und schlüpft bei “Show me how to burlesque” in bester Christina-Aguilera-Manier (“Dirty”) in die Rolle der verruchten Femme fatale.
Diese hat allerdings schon die alles überragende Pia Douwes besetzt. In 25 Jahren auf der Musical-Bühne hat die Niederländerin schon als Sally Bowles in Cabaret Liza Minnelli den Rang abgelaufen, unerreicht ist ihre laszive Performance von “All that Jazz” (Chicago), und auch in Rollen wie die der Lady de Winter (“Männer”, 3 Musketiere) oder der Killer Queen in We will Rock You (“Another One Bites the Dust”) spielte sie ihre enorme Ausdrucksstärke aus. Und dass Pia ihre Ausbildung an der “Brooking School of Ballet” in Londen genossen hat, zeigt sie mit katzenartiger Geschmeidigkeit eindrucksvoll bei “Welcome to Burlesque” und “Lady Marmelade”. Problemlos gelingt ihr der Rollen- und Charakterwechsel ins Komödiantische. Die zwischen drei Männern oszillierende Donna aus dem ABBA-Musical “Mamma Mia” spielt sie so überzeugend wie einst Carolin Fortenbacher. Köstlich auch ihre Darstellung der klammernden Mutter in “Rapunzel”, und wer glaubt Sisi, die Kaiserin von Österreich (Elisabeth), sei ihre Paraderolle gewesen, der hat Pia Douwes noch nicht als Miss Danvers in Rebecca gesehen. In der Zerrissenheit zwischen aufkeimendem Wahnsinn, ergreifender Melancholie und stolzer Ergebenheit zu ihrer geliebten Rebecca verleiht sie der Figur fast diabolische Züge – ein absoluter Höhepunkt dieses Abends, der an darstellerischer Intensität nicht zu überbieten ist.
So schön und eindrucksvoll eine solche Revue ist, sie hat auch den Nachteil, dass die dargebotenen Highlights aus ihrem Kontext gerissen werden und durch die bloße Aneinanderreihung an atmosphärischer Tiefe verlieren. Teilweise wirkt das Ganze etwas gehetzt und glatt gebügelt, Lieder werden zum Teil nur angespielt und Übergänge gestrafft. Das merkt man besonders am Disney-Medley, wo Rapunzel, Der Glöckner, Herkules, Arielle, Mulan, Die Schöne und das Biest, Pocahontas und Aladdin nahtlos ineinander übergehen. Ein Schwachpunkt der Show. Weniger wäre hier mehr gewesen. Man hätte im Grunde auch ganz darauf verzichten können, denn die Disney-Sparte war ja schon mit König der Löwen und Tarzan recht prominent vertreten. Stattdessen hätte man ein, zwei der wunderschönen Melodien aus “Wicked” ins Programm aufnehmen können. Denn auch dabei handelt es sich um eine Filmadaption – nach dem “Zauberer von Oz” mit Judy Garland.
Das Schöne an Wicked ist, dass die Filmvorlage nicht einfach mehr oder weniger nacherzählt wird, sondern die Vorgeschichte aufgreift und darstellt, wie aus der guten Hexe Elphaba die böse Hexe Westens werden konnte. Das verleiht Wicked im Vergleich zu allen hier aufgegriffenen TV-Musical-Adaptionen eine Eigenständigkeit, die sich meines Erachtens wohltuend von Produktionen wie Dirty Dancing oder den ganzen Disney-Shows abhebt. Ich bin der Meinung, es wird zu viel und zu schnell produziert. Eine Premiere jagt die nächste. Fast schon im Halbjahresrhythmus tingeln die Shows durch die deutsche Musical-Theaterlandschaft. Es entsteht der Eindruck einer Goldgräberstimmung, die eine  Vielzahl von Produktionen möglichst schnell zu Geld machen will. Masse statt Klasse scheint das Motto zu sein. Dadurch läuft man Gefahr, dass das Publikum bald übersättigt wird und Stage sich den eigenen Markt kaputtmacht. Mit “Rocky”, einer weiteren TV-Vorlage, ist man zudem ein enormes Risiko eingegangen. Nach etlichen Kino-Sequels und angesichts der Realsatire als die man die von den Klitschkos dominierte internationale Boxszene mittlerweile nur noch bezeichnen kann, dürfte das Interesse rasch abflauen. Zumal das Thema junge Männer anspricht, die Musicals in der Regel ohnehin für Frauenkram halten. Ob man die als neue Musical-Fans gewinnen kann, darf bezweifelt werden. Könnte also durchaus sein, dass man hier mit großem Bohey am Bedarf vorbei produziert. Vielleicht ist das eine lehrreiche Erfahrung für die Stage-Programmplaner. Wer die Wertigkeit und Qualität des deutschen Musicals perspektivisch aufrecht erhalten will, sollte nicht jeden Stoff, der sich aus Best-of-Alben prominenter Musiker oder filmischen Vorlagen anbietet, auf Teufel komm raus auf die Musicalbühne zerren, sondern auch jenseits der massentauglichen Unterhaltungsthemen nach künstlerisch anspruchsvollen Inhalten Ausschau halten, die emotionale Tiefe, feinsinnigen Zeitgeist, aber auch eine gewisse Widerspenstigkeit versprühen. Selbstkritisch muss ich hier mit meiner Kritik an einer zunehmenden Popularisierung des Genres Musical natürlich auch eingestehen, dass am Ende immer noch der Geschmack des Publikums entscheidet. Der Erfolg misst sich nun mal an den Zuschauerzahlen – nicht am qualitativen Anspruch.

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Widerstand gegen ACTA – das Internet schlägt zurück

Widerstand gegen ACTA – das Internet schlägt zurück

Spätestens seit dem Auftauchen der Piratenpartei in Deutschland wissen wir: Im Internet oder besser gesagt rund um den Streit um Zugriffs-, Filesharing-, Datenschutz- und Urheberrechte hat sich eine neue politische Bewegung gebildet, die mit aller Macht auch das wirkliche politische Leben zu beeinflussen beginnt. Über 19.000 Mitglieder in Deutschland für die Piraten sind respektabel, in der Gunst der Wähler gewinnen die Verfechter von persönlichen Freiheitsrechten, Datenschutz und Privatsphäre immer mehr an Boden, besetzen auf kommunaler Ebene mittlerweile über 150 Mandate und zogen bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 18. September 2011 erstmals in ein Landesparlament ein. Wenn morgen Bundestagswahl wäre, könnten die Piraten laut neuesten Umfrageergebnissen mit bis zu 9 Prozent rechnen. Das Internet schlägt zurück. Zunehmende staatliche Regulierungsbestrebungen, die unter dem Deckmantel des Schutzes von geistigem Eigentum und des Kampfes gegen illegale Produktpiraterie auch persönliche Datenschutz- und Freiheitsrechte im Internet tangieren, stoßen auf erheblichen Widerstand der Web-Community. Die feiert mit den „Hacktivisten“ von Anonymous, die zuletzt die CIA-Webseite lahmlegten, nicht nur ihre eigenen Helden, sondern ist mittlerweile so gut vernetzt, dass es gelingt, an einem einzigen Stichtag weltweit rund 200.000 Demonstranten gegen das Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen ACTA zu mobilisieren. ACTA, das ja mit dem Verbot und der strafrechtlichen Verfolgung vom Handel mit Plagiaten durchaus sinnvolle Ansätze enthält, greift nach Meinung vieler Kritiker zu sehr in die Privatsphäre der Internet-Nutzer ein, indem es die wirtschaftlichen Interessen der Musik- und Film-Industrie einseitig stärkt und beispielsweise Zollbehörden weitreichende Befugnisse bis hin zu anlasslosen Durchsuchungen und Beschlagnahmungen von MP3-Playern von Privatreisenden erlaubt. Völlig unabhängig von der Art der Nutzung räumt ACTA einem Konzern die Möglichkeit ein, den Internetprovider, über den er seine Produkte auf einer Tauschbörse anbietet, anzuweisen, bestimmten Kunden den Zugang zu sperren. Für die Verfechter der Web-Anarchie sind solche Eingriffe in die Privatsphäre ein Akt der Provokation. Und in der Tat ist nicht einzusehen, warum jeder Nutzer, der zukünftig in einer Tauschbörse registriert ist, strafrechtliche Konsequenzen befürchten muss. Die Vertreter der Musik- und Filmindustrie, deren konzertierter Lobbyismus ein Abkommen wie ACTA ja überhaupt erst zustande kommen ließ, machen es sich da etwas zu einfach. Statt in ihrem gemeinsamen Abwehrkampf ein internationales Regelungsmonstrum zu erschaffen und die privaten Internetnutzer mehr und mehr an den Rand der Illegalität zu treiben, sollten sie lieber überlegen, wie man Online-Tauschbörsen zu vernünftigen Konditionen als kommerzielle Angebote betreiben kann. Es ist davon auszugehen, dass der überwiegenden Mehrheit der Tauschbörsianer ein legales, kostenpflichtiges, qualitativ einwandfreies und sauberes Portal lieber wäre als ein frei zugängliches, wo man in der Regel Abstriche bei Qualität und Sicherheit machen muss und ständig mit der Ungewissheit leben muss, ob das denn nun erlaubt ist oder nicht. Und die Frage darf an dieser Stelle schon erlaubt sein: Wieso schaffen es die Konzerne nicht, eine solche Plattform im Internet bereitzustellen? Wieso greifen hier nicht die alten Marktregeln von Angebot und Nachfrage zum beiderseitigen Nutzen? Der Widerstand gegen ACTA – Deutschland hat das Abkommen ja noch nicht unterschrieben – zeigt jedenfalls eines: Das einseitige Durchdrücken von wirtschaftlichen Interessen ist mit der Internetgemeinde nicht zu machen. Diese muss mehr und mehr als eine ernstzunehmende Größe gesehen werden, deren Schlagkraft und Macht proportional zur stärkeren Vernetzung über die sozialen Netzwerke zunimmt. Dass dem Internet per se eine demokratische Kraft innewohnt, hat im vergangenen Jahr der „Arabische Frühling“ gezeigt, der – mit ausgelöst durch freiheitskämpferische Oppositionsströmungen im Internet – eine ganze Reihe von Diktaturen im Nahen Osten weggefegt hat. Das Internet ist erwachsen geworden und beginnt, ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Staaten und Industriekonzerne sollten sich darüber klar werden, dass man langfristig nur mit dem Netz spielen kann – nicht gegen es. Wer mit bürokratischen Überregulierungen den Freiheitsdrang der Netzgemeinde zu strangulieren versucht, muss mit geballtem Widerstand rechnen. Die Aktivisten von „Anonymous“ sind nur eine Ausprägung dieser Protestbewegung. Ihre Angriffe auf Internetseiten staatlicher Behörden sollten aber nicht allein dem Selbstzweck und der Schadenfreude dienen, sonst untergraben sie ihre eigene Legitimation (im Sinne eines virtuellen Robin Hood oder Zorros, der unerkannt für Datenschutz und Freiheitsrechte im Internet kämpft) und schaden der Sache, indem sie massive Gegenmaßnahmen von behördlicher Seite provozieren. Die strafrechtliche Verfolgung der kino.to-Betreiber, der internationale Abwehrkampf gegen die Online-Enthüllungsplattform WikiLeaks oder zuletzt die Inhaftierung von Megaupload-Gründer Kim Schmitz  sind deutliche Hinweise, dass der Staat über seine polizeilichen Ermittlungsbehörden immer konsequenter daran geht, Recht und Ordnung auch im Internet durchzusetzen.

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Weltpolitik vs. nationale Egoismen oder die Selbstlähmung der UN

Es ist unfassbar! Russland und China tanzen Pogo auf dem Parkett der internationalen Politik und lassen die Demokratiebewegung in Syrien schmählich im Stich. Das Assad-Regime darf in Syrien munter weiter morden, und die Welt muss tatenlos zuschauen. Zwei Veto-Mächte im Sicherheitsrat blockieren eine Resolution, deren Wortlaut von der Arabischen Liga und der Mehrheit der Mitgliedsstaaten im Sicherheitsrat befürwortet wird. Da zeigt sich, dass es ein grundsätzlicher Fehler war, Staaten, deren Machthaber weit entfernt von demokratischem Selbstverständnis sind, in ein Gremium zu holen, das auf demokratischen Mitwirkungs- und Entscheidungsprozessen basiert. Das Einstimmigkeitsprinzip funktioniert nunmal nicht, wenn nationale Egoismen ins Spiel kommen, da sind Russland und China ja gar nicht die Ausnahme. Ihr Verhalten angesichts der Situation in Syrien ist aber besonders perfide, weil gerade Russland weiterhin ungestört mit dem Assad-Regime Waffengeschäfte betreiben möchte, während es gleichzeitig einen Stopp von Waffenlieferungen an die Opposition fordert. Einmal mehr zeigt Putins Russland der Welt sein hässliches Gesicht, und man kann sich nur wünschen, dass die russische Opposition sich gegen alle Widerstände durchsetzt. Die Demonstrationen wegen möglicher Unregelmäßigkeiten bei den Parlamentswahlen im Dezember stimmen zuversichtlich, dass das russische Volk Putin in Zukunft nicht mehr einfach schalten und walten lässt, wie es ihm gefällt. Doch wie sich die Lage in Russland auch verändert – das löst nicht das Dilemma im UN-Sicherheitsrat, der vor aller Welt als zahnloser Papiertiger dasteht, sobald eine Veto-Macht die eigenen Interessen vor die der internationalen Gemeinschaft stellt. Um diese Gefahr der permamenten Selbstblockade bei wichtigen internationalen Entscheidungen (z.B. im Falle von eklatanten Menschenrechtsverletzungen)  zu bannen, müsste das Einstimmigkeitsprinzip zugunsten von Mehrheitsentscheidungen aufgegeben werden, d.h. die Macht des Vetos entfällt und damit auch die Erpressbarkeit der internationalen Gemeinschaft durch einzelne Mitgliedsstaaten. Doch schon tut sich das nächste Dilemma auf. Wer will einen Beschluss in Richtung Mehrheitsentscheidungen ändern, wenn nicht die Staaten, die einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat haben, selbst? Nach geltenden Regeln müsste es ja auch wieder ein einstimmiger Entscheid sein, und die Veto-Mächte werden einen Teufel tun, auf ihre Machtposition zu verzichten. Eine abgeschwächte Variante wäre, einen Mehrheitsbeschluss zuzulassen, wenn besonders schwere Verletzungen der UN-Charta gegeben sind. Oder man knüpft das Veto an bestimmte Einschränkungen, indem man nämlich von vornherein ausschließt, dass sich eine Veto-Macht auf wirtschaftliche Interessen berufen kann, wenn diese nachweislich mit Waffenhandel zu tun haben. Ein weiterführender Beschluss wäre, internationalen Waffenhandel an Terror- und Militärregimes grundsätzlich zu verbieten, wobei sich die Frage stellt, wer die Zuwiderhandlung überwachen bzw. sanktionieren würde. Alles sinnvolle Maßnahmen, die dazu beitragen könnten, dass die Welt ein wenig sicherer wird. Aber leider ist davon auszugehen, dass keine dieser Beschlüsse jemals gefasst wird, solange bestimmte Länder im UN-Sicherheitsrat nicht ihre außenpolitischen Vektoren entscheidend geändert haben. So lange kochen die großen Mächte im Sicherheitsrat weiter ihr eigenes Süppchen und werden sich von niemandem reinspucken lassen. So lange kann die internationale Politik aber auch nicht auf Gefahrenpotenziale reagieren, die sich im Nahen Osten gleich an mehreren Stellen auftun. Um schnell und effektiv handeln zu können, müsste im UN-Sicherheitsrat längst Einigkeit darüber erzielt worden sein, wie man mit dem Iran umgeht, der weiter an seiner Atombombe bastelt. Stattdessen überlässt man das weitere Vorgehen lieber den USA und Israel. Ein Wirtschaftsembargo und das Einfrieren von Bankkonten ist ja schön und gut, aber man hört Benjamin Netanjahu bereits mit den Sebeln rasseln, ein Militärschlag gegen den Iran ist nicht auszuschließen – mit unabsehbaren Folgen für die Stabilität in Nahost. Die Lage in Ägypten und Libyen bleibt weiterhin angespannt, ganz zu schweigen von Afghanistan oder dem Irak. All diese Länder sind näher an bürgerkriegsähnlichen Zuständen oder einem Rückfall in totalitäre Strukturen als an einer Verstetigung der zaghaft begonnenen demokratischen Prozesse. Kaum vorstellbar, dass die vielfältigen Problemlagen von einem internationalen Gremium gelöst werden können, dessen Schlagkraft nicht weiter reicht als der kleinste gemeinsame Nenner, den eine der Veto-Mächte der Welt diktiert. Die Vorstellung, dass wir angesichts der internationalen Problemlagen und Bedrohungsszenarien einer möglichen Eskalation nur dieses zur Selbstblockade neigende Instrument entgegenzusetzen haben, ist äußerst beängstigend. Das schreit nach akutem Handlungsbedarf. Leider gibt es niemanden, der den im Sicherheitsrat vertretenen Mächten irgendetwas vorschreiben kann – außer sie selber, wo wir wieder bei der Frage der Einstimmigkeit wären. Ein hoffnungsloser Fall.

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An alle 40-Jährigen!

Als wir klein waren, telefonierte man noch analog mit einer Wählscheibe, es gab via Antenne vier Fernsehprogramme, Schallplatten wurden noch millionenfach verkauft, und die Hauptstraßen in unseren Heimatorten waren noch voller kleiner Einkaufs-, Bäckerei- und Metzgereiläden. Sogar einen Schuhmacher gab es bei uns im Ort, der Bauer über der Brücke verkaufte noch frische Kuhmilch. Es gab noch keine Behinderten- oder Frauenparkplätze, der Einkaufswagen im Supermarkt funktionierte noch ohne 1 Euro-Münze, gezahlt wurde noch in bar, denn das Geld war schließlich noch was wert. Mitten in der Siedlung gab es noch ein kleines Zwetschgenwäldchen, und draußen in den Feldern jede Menge Platz zum Spielen. In der Schule dröhnten von Zeit zu Zeit die Sirenen, die vor Flieger-Alarm warnten, die Bedrohung des Kalten Krieges war noch Realität, Pershing-2 und der NATO-Doppelbeschluss waren in aller Munde. Erste Konsolenspiele kamen auf den Markt, wir spielten bei unseren amerikanischen Nachbarn Space Invaders und Pacman bis zum Umfallen. Und wir saßen jeden Nachmittag vor dem Fernseher. Die erste Rebellin war für mich Pipi Langstrumpf, die es den beiden Spießern Tommy und Anika so richtig gezeigt hat. Ganz zu schweigen von den vielen Cartoons, die über die Mattscheibe flimmerten: Biene Maja, Heidi, Pink Panther, Die Schlümpfe, Wickie, Bugs Bunny, Nils Holgerson, Calimero, Tao Tao, Pinocchio, Captain Future, die schnellste Maus von Mexiko, Dr. Snuggles und wie sie alle hießen. Noch besser waren die legendären Jim Henson-Shows: „Die Muppets“ (ich liebte besonders „Schweine im Weltall“) oder später die Fraggles mit der allwissenden Müllhalde – köstlich. Die Abenteuer der Augsburger Puppenkiste haben wir genauso gesehen wie Pantau, Karlsson vom Dach, Lucy der Schrecken der Straße oder Michel von Lönneberg. Meine allergrößter Held war Zorro, die Revolverhelden in „Western von Gestern“ oder „Rauchende Colts“ durfte ich auf keinen Fall verpassen. Meine Lieblings-Comedians waren Stan Laurel und OIiver Hardy alias Dick und Doof, die drei Stooges oder die Slapstick-Chaoten in der Schwarz-Weiß-Revue „Klamottenkiste“. Später dann Lee Majors als Stuntman in „Ein Colt für alle Fälle“, „Vier Fäuste für ein Trio“, Pierce Brosnan in Remington Steele oder Robert Wagner in „Hart aber herzlich“. Unvergessen natürlich auch Tom Selleck als smarter Detektiv Magnum, Karl Malden in den „Straßen von San Francisco“ oder Roger Moore und Tony Curtis in „Die Zwei“. Ich liebte die Hau-Drauf-Filme von Bud Spencer und Terence Hill, Winnetous Abenteuer mit Pierre Briece und Lex Parker als Old Shatterhand, Jonny Weißmüller als Tarzan und natürlich die Filme von Luis de Funes. Meine ersten „Horror“-Filme waren die Zeitmaschine mit den gruseligen Morlocks und John Carpenters „The Fog – Nebel des Grauens“, mein Gott, hatte ich in diesem Winter Schiss, wenn ich bei Nebel abends ins Turnen musste. Ich liebte Science Fiction: Raumschiff Enterprise, Kampfstern Galactica, Buck Rogers, Krieg der Sterne, später die Musikvideos auf MTV. So wird man mit dem Fernsehen groß. . .
40 Jahre auf dieser Welt – da hat man aber auch sonst so einiges mitbekommen. Glasnost, Perestroika, das Ende des Kalten Krieges, die Deutsche Wiedervereinigung, das Ende der Sowjetunion und der Apartheid, den Abschied von der D-Mark, den Aufstieg und Fall der dot-Com-Pioniere, Kriege im Irak, im Kosovo, in Afghanistan, Völkermord in Somalia, den arabischen Frühling, die internationale Wirtschafts- und Bankenkrise und in ihrer Folge die Euro-Schulden-Krise, Tschernobyl und Fukushima, Anfang und Ende der Space-Shuttle-Flüge, Klimawandel, die digitale Revolution, den Aufstieg der Grünen, den Zerfall der FDP; Reagan die Bushs, Clinton, Thatcher, Kohl, Schröder, Mitterand, Blair, Berlusconi – alle sind sie von der politischen Bildfläche verschwunden. Genauso wie die Schurken: Milosovic, Osama Bin Laden, Gadaffi. . . Und Skandale? Klar: Monika Lewinskis Präsidenten-Blow-Job im Oval-Office, Angela Ernakowas Samen-Raub in der Besenkammer, der Mordprozess O.J. Simpson, Michael Jackson musste vor Gericht die Hosen runterlassen, belgischer Kinderschänder-Prozess um Marc Dutroux, der Fall Natascha Kampbusch etc. Etliche, die wir liebten, sind von uns gegangen: Ayrton Senna, Lady Di, Freddy Mercury, Kurt Cobain, Michael Jackson, Amy Winehouse, River Phoenix, Heathe Ledger, um nur ein paar der Jüngsten zu nennen.
Was hat uns sonst noch geprägt? Die Musik natürlich. Die 80er Jahre mit New Wave, Glam Hardrock und Metal in allen Variationen von Metallica über Iron Maiden bis hin zu Slayer, später dann Euro Dance, Techno und die Neue Deutsche Welle, dann tauchten Nirvana auf und in ihrem Sog eine ganze Reihe brillanter Grunge- und Crossover- und NuMetal-Bands. Im Pop-Business feierten in Nachfolge von den New Kids On The Block diverse Boygroups beachtliche Erfolge, die Spice Girls waren bahnbrechend als weibliche Pendants und machten Erfolge von deutschen Mädchen-Combos wie No Angels oder Tic Tac Toe überhaupt erst möglich. Wo wir bei den ganzen Casting-Formaten wären, die über die Jahre hinweg mehr oder weniger gute Acts hervorgebracht haben. Herausragende Solo-Künstler gab es auch einige: Madonna, Michael Jackson, Whitney Houston, Prince, Phil Collins, Bryan Adams, Bruce Springsteen, Robby Williams, Britney Spears, Christina Aguilera, Janet Jackson, P. Diddy, Eminem, DJ Bobo, Dido etc. Und bahnbrechende Bands? Klar: Rolling Stones, Queen, Genesis, U 2, Depeche Mode, Duran Duran, Tears for Fears, Pet Shop Boys, Guns’n Roses, Bon Jovi, Nirvana, Metallica, Ugly Kid Joe, Limp Bizkit, Run DMC, Beasty Boys, Linkin Park, REM, The Prodigy, Coldplay, um nur die Prominentesten und Einflussreichsten zu nennen.
Am dynamischsten und erstaunlichsten in den vergangenen 40 Jahren war aber der revolutionäre Quantensprung vom analogen ins digitale Zeitalter, eine rasante Entwicklung, die unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben nachhaltig verändert hat. Ich kann mich noch an die alten Commodore 64 und Atari 1024 erinnern, mit denen wir in der Schule herumspielten. Mein erstes Handy sah ich im Kino, es gehörte, glaube ich, Michael Douglas in dem Film „Wall Street“. Als es 2000 dann um die Versteigerung der UMTS-Lizenzen ging und sich die Telefongesellschaften mit Milliardenbeträgen gegenseitig überboten, fragte man sich noch, ob die eigentlich wissen, was sie da tun. Sie wussten es. In keinem Bereich ist in den vergangenen Jahren mehr Geld verdient worden als auf dem Telekommunikationsmarkt. Nach mehreren technischen Zwischenlösungen sind wir mit den modernen Smartphones an einem Punkt angelangt, wo das Internet mobil geworden ist. Wenn ich heute ein Lied im Radio höre und wissen will, von wem das Lied ist, das gerade gespielt wird, brauche ich nur mein I-Phone an die Lautsprecher zu halten und bekomme die Information spätestens mit dem Refrain in wenigen Sekunden. Wenn ich im Elektrofachmarkt stehe und mich für ein Produkt interessiere, brauche ich mit meinem Smartphone nur den Strichcode zu scannen und habe innerhalb kürzester Zeit eine komplette Preisübersicht aller Anbieter, die dieses Produkt ebenfalls vertreiben. Informationen, Bilder, Filme, Musik – alles wird ins weltweite Netz mit seinen schier unendlichen Möglichkeiten hineingeworfen und steht allen Usern weltweit jederzeit abrufbereit zur Verfügung. Hier ist ein virtuelles Paralleluniversum aus unzähligen Homepages und Infokanälen entstanden, das dank Facebook, Twitter und Co. von immer engmaschiger werdenden sozialen Netzwerken durchzogen wird. Die Entwicklung ist unaufhaltsam. Die reale Welt wird im Internet längst nicht mehr nur spiegelbildlich abgebildet, sie wird mehr und mehr assimiliert und in allen lebensweltlichen Bereichen durchdrungen. Wir 40-Jährigen haben diese Entwicklung nachvollzogen und als Erwachsene staunend miterlebt, mit welch unglaublich hoher Geschwindigkeit sie voranschreitet. Allein die technischen Voraussetzungen legen Beschränkungen auf, im juristischen Bereich vielleicht noch urheber- und datenschutzrechtliche Auflagen – ansonsten kann man davon ausgehen, dass der Krake Internet die reale Welt unausweichlich und immer gnadenloser mit seinen gierigen Tentakeln umschlossen hält. Unsere Generation ist vielleicht noch am ehesten in der Lage, zu erkennen, dass die grenzenlosen Möglichkeiten des Internets nicht nur Profit und Chancen beinhalten, sondern auch unkalkulierbare Risiken und Bedrohungen, die das Aussehen unserer Gesellschaft und die Art, wie wir denken und handeln, in nicht unbeträchtlichem Maße beeinflussen werden. Zwangsläufig geraten wir immer mehr in die Abhängigkeit von Telekommunikations- und Stromanbietern, ein Markt der als einstiges staatliches Monopol durch europa- und weltweite Deregulierungsbestrebungen längst in die Hände privater Gewinn- und Nutzenmaximierer geraten ist. Irgendwann werden wir vielleicht Sokrates Ausspruch „Ich denke, also bin ich“ uminterpretieren müssen in „Ich bin online, also bin ich“. Umgekehrt heißt das: Wer nicht irgendwo im Internet auftaucht, existiert nicht, ist ausgegrenzt und Verlierer einer hypermodernen und -aktiven Gesellschaft, die sich dem multimedialen Overkill verschrieben hat. Da hilft am Ende vielleicht nur noch Eines: den Stecker ziehen. . .
Auf die nächsten 40 Jahre! Sie werden mit Sicherheit nicht weniger spannend.

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Sinnkrise des Individuums

Wir leben im Zeitalter des kommerziell motivierten Eskapismus. Alles wird zum Fake. Das ganze Leben ist ein Possentheater, ein grässlich verzerrtes Spiegelbild der medial inszenierten Scheinrealität.
Der Mensch entfremdet sich – nicht nur von sich selbst, sondern auch von seiner Umwelt. Er ist nichts als eine Hülle, die von äußeren Impulsen ferngesteuert wird, nichts als eine Marionette, eine Blackbox, die erst mit Informationen gefüttert werden muss, bevor sie überhaupt in der Lage ist, etwas zu tun.
Die Menschen werden zu stromlinienförmigen, angepassten Sozidioten, die als willfährige Angestellte, unkritische Konsumenten und selbstverliebte Egomanen ihrem ganz persönlichen Glück hinterher jagen und damit – bewusst oder unbewusst – einen Beitrag dazu leisten, dass das gesamte System sich selbst beschleunigender Degenerierung aufrechterhalten bleibt. Zusammenhalt und Dazugehörigkeit funktionieren nicht mehr durch eine auf Konsens beruhende Wertegemeinschaft, sondern durch äußerliche Gleichförmigkeiten (Markenbewusstsein, Handy-Klingeltöne, virtuelle Communities etc.), die sich nach modischen Trends richten und durch das stetige Wechselspiel von Angebot und Nachfrage gesteuert werden.
Das einzelne Individuum ist zu schwach in seinem Selbstbewusstsein, um sich dauerhaft durch eigene Werte und Prinzipien mit seinem eigenen Lebensplan verwirklichen zu können. Stattdessen werden Lebenskonzepte und emotionale Assoziationen von massenmedial konstruierten Marken-Werbeclips und Reality-Shows vorgegaukelt, die der orientierungslose Mensch nur allzu bereitwillig kopiert.
Wir sind schwach geworden, nicht nur rein physisch betrachtet, sondern auch vom Willen her. Nur allzu leicht lassen wir uns von der multimedialen Reizüberflutung manipulieren, weil wir entweder zu bequem sind, dem gängigen neoliberalistischen Gewinnmaximierungsmodell vom höher-schneller-weiter-ich-krieg-den-Hals-nicht-voll-Geiz-ist-geil-Größenwahn ein eigenes Konzept entgegenzustellen oder weil wir mangels Bildung/Selbstbewusstsein gar nicht dazu in der Lage sind, hinter die Kulissen dieser Scheinwelt zu blicken. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die Sozialisation der neuen Generation: Das eigene Verhalten wird nie von außen in Frage gestellt, es gibt keine verbindlichen Regeln, jeder Wunsch wird sofort erfüllt, man muss sich nicht anstrengen, um etwas zu erreichen, fehlende Aufmerksamkeit wird durch die Erfüllung von Konsumwünschen kompensiert.
Die Folge ist eine geringe Belastbarkeit des Einzelnen, die Tendenz zur maßlosen Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten, Probleme beim Umgang mit Scheitern und Kritik, fehlende Werte und Prinzipien als grundlegende Voraussetzung für selbstverantwortliches Handeln und daraus folgend ein fehlender Lebensplan, der zumindest in groben Zügen aufzeigt, wohin die Reise geht.
Alles muss schnell und möglichst sofort geschehen. Man will sich nicht groß anstrengen müssen, um sein Ziel zu erreichen, Ausdauer, Disziplin, Geduld und Zielstrebigkeit sind Tugenden, die zunehmend verloren gehen. Jeder ist nur noch auf der Suche nach dem schnellen Kick. Informationen werden nur noch bei ausreichend hoher Reizschwelle wahrgenommen und nur gespeichert, sofern sie von Relevanz für die aktuelle Lebenssituation sind. Wissen ist überall und zu jeder Zeit verfügbar und muss deshalb nicht mehr durch langwierige Lernprozesse individuell gespeichert werden.
Die fehlende Rückkopplung mit eigenen Wissens- und Erfahrungswerten erhöht die Verunsicherung und Orientierungslosigkeit des Einzelnen, der sein Selbstwert- und Dazugehörigkeitsgefühl deshalb aus leicht zugänglichen und abrufbaren Oberflächlichkeiten schöpft. In dieser Scheinwelt ist der Umgang mit persönlichen Krisen und zwischenmenschlichen Konfliktsituationen nicht vorgesehen. Deshalb ist man mehr oder weniger ständig auf Flucht vor möglichen Krisen und lässt sie durch das Abtauchen in exotern induzierte Reizwahrnehmungen (Sex, Drogen, Alkohol, Spielsucht in der virtuellen Scheinwelt des Internets) erst gar nicht an sich herankommen.
Fast ausschließlich auf die möglichst schnelle Befriedigung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse fixiert, werden die Individuen zu Beziehungskrüppeln, die nur noch schwer dazu in der Lage sind, engere soziale Kontakte zu pflegen, aufrichtig miteinander umzugehen und ihr eigenes Leben selbst bestimmt auf die Reihe zu bekommen.
Man sucht eher bei anderen die Schuld als bei sich selbst. Da nichts mehr von großer Dauer ist, verlieren die Dinge ihren Wert. Der Weg des geringsten Widerstandes perpetuiert das Mittelmaß, das, gepusht von Internet und den Massenmedien, durch die Abstimmung der Zuschauer- und Konsumentenmassen zum Standard erhoben wird. So feiert die Gesellschaft, aber auch der Einzelne, ständig Erfolge, die im Grunde gar keine sind, sondern Anzeichen einer tiefen Sinnkrise, mit der man längst nicht mehr umzugehen weiß.
Eine Abwärtsspirale ist in Gang gesetzt, die Gesellschaft und der kulturelle Impetus, auf dem sie sich gründen, fallen auseinander.

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Brief an den Bundespräsidenten

Lieber Christian,
das ist ja ein ganz schönes Schlamassel, in das Du da hineingeraten bist. Dass Du Dich als Bundespräsident einmal wegen eines privaten Billig-Kredits verantworten musst, den Dir erst die Geerkens und dann die BW-Bank als sogenannter gehobener Kunde gewährt haben, hättest Du Dir wohl nie träumen lassen. Hättest Du nur nicht gelogen, als Dich 2010 die Grünen im niedersächsischen Landtag nach geschäftlichen Beziehungen zur Unternehmensfamilie Geerkens befragt haben. 500.000 Euro sind kein Pappenstil, weißt Du? Das kann man nicht mal eben so unter den Teppich kehren. Du hättest doch wissen müssen, dass das früher oder später ans Tageslicht kommt und ein gefundenes Fressen für Deine politischen Gegner ist. Dass Du Dich von den Verlockungen und Machtverstrickungen, die das Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten mit sich bringt, hast hinreißen lassen, mag man ja noch als menschliche Schwäche auslegen, der vermutlich nicht wenige in einer vergleichbaren Situation erlegen wären. Was ich Dir aber übel nehme, ist die Art und Weise, wie Du mit der Wahrheit umgehst, welche die Medien zu Tage gefördert haben. Du tust es wie ein kleiner Junge, der seinen erbosten Eltern gegenüber nicht eingestehen möchte, dass er einen Fehler gemacht hat. Statt alle Karten offenzulegen, rufst Du bei Diekmann an und drohst mit Bruch, sollte er die Geschichte über Deinen vergünstigten Privatkredit veröffentlichen. Hast Du wirklich geglaubt, die Presse lässt sich von ein paar Drohgebärden – selbst wenn Sie vom Bundespräsidenten höchstpersönlich kommen – in die Schranken weisen? Hast Du noch nie von dem Sprichwort gehört “Getroffene Hunde bellen”? Dir hätte doch klar sein müssen, dass ein solches Verhalten die “Jetzt erst recht”-Mentalität der Journalisten weckt. Egal, was Du tust, und wenn Du Dich auf den Kopf stellst – die Wahrheit wird ans Tageslicht kommen. Stück für Stück. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und wenn alle schmutzige Wäsche gewaschen ist, dann werden wir einen Bundespräsidenten mit ramponiertem Ruf haben, ein weiteres jämmerliches Beispiel für einen Politiker-Typ, der glaubt, er kann aufgrund seiner hohen Ämter und seiner ihm dadurch in die Arme fallenden Beziehungen, nach Belieben persönliche Vorteile mitnehmen, ohne dafür Rechenschaft ablegen zu müssen. Ein solches Verhalten ist nicht nur unwürdig für einen Bundespräsidenten, es ist Wasser auf die Mühlen all der Politikverdrossenen, die sich in ihren Vorurteilen von der schamlosen Selbstbedienungsmentalität deutscher Politiker und den unheilvollen Verstrickungen zwischen Wirtschaft und Politik bestätigt sehen. Mit der Vorteilsnahme im Amt, aber erst recht mit Deinem dilettantischen Krisenmanagement hast Du dem Ansehen des von Dir bekleideten Staatsamtes und der Glaubwürdigkeit in die Politik einen Bärendienst erwiesen. Als hätte es die Affäre von Guttenberg nie gegeben. Auch der Schummel-Doktor hat bis zuletzt abgestritten, was immer offensichtlicher wurde. Wie die Geschichte ausging, wissen wir. Die wahnwitzige Gleichung “Ich bin schuldig, aber ich lüge, bis man mir das Gegenteil nachweist” hat ihn von der bundesrepublikanischen Politikbühne gefegt. Wir alle wissen: Macht korrumpiert, und wer hat, dem wird gegeben. Das war schon immer so, und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Die Mächtigen vergessen in ihrer medial hochgejubelten Selbstverliebtheit nur all zu gerne, dass sie eine Vorbildfunktion haben, dass es gewisse moralische Erwartungen an sie gibt und dass sie der Öffentlichkeit nicht einfach ein X für ein U vormachen können. Fehler kann man machen, an die Grenzen des Moralisch und Legalen kann man gehen. Man darf sich dabei halt nicht erwischen lassen. Und wenn man erwischt wird, dann sollte man Manns genug sein, Charakter zeigen und den Schneid haben, seine Verfehlungen einzuräumen. Aber in der deutschen Politik scheint die Tugend des selbstkritischen Umgangs mit dem eigenen Tun nicht sehr ausgeprägt zu sein, und so wird der in aller Öffentlichkeit vorgeführte rückgratlose Eiertanz unserer höchsten Repräsentanten beschämenderweise weiterhin zur Aushöhlung demokratischer Strukturen führen. Das reflexartige Bestreben, der Presse einen Maulkorb zu verpassen, spricht für ein in Politikkreisen weit verbreitetes gestörtes Presseverständnis, das zum Ziel hat, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen und die Wahrheit mit allen Mitteln zu unterbinden, um die eigene Machtposition zu verteidigen. Dass selbst der Inhaber des höchsten deutschen Staatsamtes ein solch absolutistisches Gebahren an den Tag legt, lässt den politikinteressierten Bürger fassungslos und mit einer Menge Wut im Bauch zurück.

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Hallo Leute

Herzlich willkommen auf meinem Blog. Hier findet Ihr regelmäßig Artikel, Essays, Kommentare und Gedanken von mir zu allen möglichen Themen, die mich interessieren – und Euch hoffentlich auch. Ich hoffe, dass ich recht häufig dazu komme, etwas zu schreiben, umso schneller wird sich dieser Blog mit Texten füllen. Schaut also ruhig öfter mal vorbei. Viele Grüße, Dirk

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